Landschaft im räumlichen Beziehungsnetz

Kernthema: Räumliche Beziehungen

Viele Gebiete stehen in einer räumlichen Beziehung zueinander. Doch wie beeinflussen sich die oft als gegensätzlich verstandenen
funktionalen Räume wie Stadt/Land, Berggebiete/Unterland, Park/Nicht Park aber auch Schweiz/Ausland? Lassen sich die Bewohnerinnen und Bewohner zu einer gegenseitig ergänzenden Kooperation bewegen? Diese Fragen sind nicht nur relevant bezüglich der Auswirkungen der Globalisierung, sie spielen auch eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Zusammenhalt der Schweiz.


Räumliche Komplementarität kann sich sowohl positiv als auch negativ auswirken. So begibt sich etwa die urbane Bevölkerung gerne in ländliche Regionen, um sich zu erholen; umgekehrt profitiert der ländliche Raum, wenn die Gäste aus der Stadt zur lokalen Wertschöpfung beitragen.

Doch Beziehungen zwischen sich ergänzenden Räumen wirken sich nicht nur vorteilhaft aus. Wo beispielsweise naturnahe Gebiete verstärkt zur Erholung genutzt werden, leiden mitunter Flora und Fauna. Teilweise münden die wechselseitigen Beziehungen auch in Spannungen innerhalb der Bevölkerung: Die Zweitwohnungsinitiative etwa fand in den Städten grossen Zuspruch, die dadurch die Tourismusgebiete in ihrer ablehnenden Haltung zu überstimmen vermochten. Auch das neue Jagdgesetz wurde dank der Stimmen aus städtisch geprägten Regionen abgelehnt, was deren Bevölkerung den Vorwurf eintrug, den Anliegen der Menschen auf dem Land kein Verständnis entgegenzubringen.

Hinter solchen Konflikten steht oft die Frage, wer letztlich über wen bestimmt. Verfügen die Unterländer über die Ressourcen im Berggebiet? Oder bleiben im Gegenteil die schwach besiedelten Regionen in der Peripherie nur dank der Zuwendungen aus den Zentren funktionsfähig?

Auch können ursprünglich erwünschte und absichtlich geförderte Beziehungen zwischen Gebieten mit ähnlichem Profil in einen Wettbewerb umschlagen, der die regionale Vielfalt einebnet. Dies kann dann der Fall sein, wenn eine Region mit Alleinstellungsmerkmal von anderen nachgeahmt wird, die den gleichen – oft wirtschaftlichen – Effekt anstreben.

In der Auseinandersetzung mit räumlichen Beziehungen spielen Fragen nach dem Echten, Unverfälschten, eine wichtige Rolle. Grundsätzlich stellt sich die Frage, wer die Definitionsmacht innehat. Doch in einem spannungsreichen Verhältnis – etwa zwischen Berg und Tal – lässt sich nur schwer bestimmen, was es als «echt» und authentisch zu bewahren gilt und wo Neuerungen zugelassen werden sollen: Sind es beispielsweise die Auswärtigen, die Traditionen und Landschaften vergangener Zeit als authentisch empfinden, oder die Einheimischen, die das Echte darin erkennen, dass sich ihre Region gemäss ihren Bedürfnissen weiterentwickeln kann?

Es geht also darum, bestehende Beziehungen sowohl zwischen den Räumen als auch zwischen den betroffenen und beteiligten Menschen zu erkennen; zudem gilt es auszuloten, wie sich diese Verbindungen im Laufe der Zeit gewandelt haben und wie sich diese Veränderungen auswirken.

Das FoLAP identifiziert vier räumliche Dualitäten, denen aufgrund ihres Einflusses auf die Landschaft besondere Bedeutung zukommt.
Das Verhältnis zwischen der Schweiz und dem – nahen und entfernteren – Ausland ist von vielfältigen wirtschaftlichen Verflechtungen geprägt. Die touristischen Wechselbeziehungen sind mit Blick auf die Landschaft besonders bedeutsam. Denn deren Attraktivität ist es zu verdanken, dass sich die Schweiz zur Tourismusdestination für in- und ausländische Gäste entwickelt hat. Dies wirft die Frage auf, welche Auswirkungen aus der touristischen Nachfrage auf die Gestaltung des Angebots zu erwarten sind. Umgekehrt beeinflussen die Konsumentscheide der Schweizer Bevölkerung die Landschaft in anderen Ländern weltweit.

Die Spannungen zwischen Alpen und Unterland stellen das zweite Untersuchungsfeld dar, das es aus Sicht des FoLAP zu bearbeiten gilt. Was braucht es, um die Verständigung zwischen diesen Regionen und das gegenseitige Verständnis zu fördern? Damit verbunden stellt sich auch die Frage, welchen Einfluss die Subventionspolitik und die zunehmende Regionalisierung ausüben. Zudem sollte das Verhältnis von Einheimischen und Zweitwohnungsbesitzenden ausgelotet werden. Wie sehen Personen, die sich nur in der Freizeit im Berggebiet aufhalten, die Landschaft und ihre Entwicklung – und wie wird diese wahrgenommen von jenen, die ständig hier leben oder hier aufgewachsen und später weggezogen sind?

Die dritte Dualität betrifft das Verhältnis zwischen Pärken und Nichtpärken. Wie wirken sich Pärke von nationaler Bedeutung aus? Weisen sie tatsächlich eine höhere Landschaftsqualität – grössere Biodiversität miteingerechnet – auf, oder schärft das Label vielmehr die Wahrnehmung der Menschen, die dadurch aufmerksamer für landschaftliche Merkmale werden? Wie können die aus solchen Studien gewonnenen Erkenntnisse genutzt werden, um die Werthaltung der Bevölkerung gegenüber der Landschaft zu beeinflussen?

Schliesslich sind auch die Beziehungen zwischen Siedlungsraum und Naturraum in den Fokus zu rücken, die sich insbesondere im Mittelland akzentuieren. Denn der stetige Ausbau der Siedlungen und andere Eingriffe wie etwa die Entwässerung von Feuchtgebieten ist lange Zeit auf Kosten naturnaher Räume gegangen. In den letzten Jahren haben allerdings Renaturierungsmassnahmen zugenommen, die teilweise der Natur sogar in den Agglomerationen wieder mehr Raum geben. In diesem Zusammenhang ist zu fragen, wie der zunehmende Bevölkerungsdruck auf die landschaftliche Qualität der Naturräume einwirkt und wie den Erwartungen der Bevölkerung an die Landschaft entsprochen werden kann, ohne deren naturräumliche Qualitäten zu schmälern.

Räumliche Beziehungen sind aus Sicht des FoLAP politisch und wirtschaftlich hoch relevant, weil sich die Spannungsverhältnisse zwischen Berg und Tal, aber auch zwischen Stadt und Land zu verschärfen drohen. Deshalb soll das FoLAP mithelfen, dass das Thema auf die Agenda nationaler, regionaler und lokaler Akteure kommt. Mit unserem Netzwerk schaffen wir entsprechendes Wissen für die Raumplanung und bei den Verantwortlichen für die Pärke.

Anmerkungen: Das FoLAP identifizierte in den fünf Kernthemen (Landschaft und Gesundheit, Landschaftskultur, Lebensstile und Landschaft, Klimaschutz und Landschaft, Räumliche Beziehungen) den grössten Handlungsbedarf hinsichtlich einer nachhaltigen Landschaftsentwicklung. Zur Förderung des politischen Diskurs und des gesellschaftlichen Transformationsprozesses braucht es dabei neben dem Zusammentragen des bestehenden Wissens grössere zusätzliche Forschungsanstrengungen und eine Intensivierung des Dialogs zwischen Forschung und Praxis. Das FoLAP versteht die Kernthemen als Auftrag an sich und seine Community: Sie stehen damit auf der Agenda des FoLAP und sind eine Einladung an Institutionen und Akteure, sich ebenfalls in diesen Themengebieten aktiv zu engagieren. Mehr erfahren

Der Themenkomplex «Räumliche Beziehungen» insgesamt ist aus Sicht FoLAP politisch und wirtschaftlich hoch relevant, weil die Spannungsverhältnisse zwischen Berg – Tal, aber auch Stadt – Land immer stärker aufzubrechen drohen.

Gerade in Bezug auf die Pärke von nationaler Bedeutung ist es wichtig, dass nach der zweiten Betriebsphase der Pärke die Evaluation nicht nur parkspezifisch sondern insgesamt angegangen wird, um die Frage «Was bringt das Instrument Pärke» als Ganzes beurteilt werden kann. Die von uns aufgeworfene Frage nach der Bedeutung der Pärke als Player im Bereich der Landschaftskompetenz sollte dabei im Zentrum stehen. Mit den Projekten LABES und ValPar.CH sind Daten vorhanden, um eine Auswertung in dieser Richtung voranzutreiben.

Relevante Schlüsselfragen, Herausforderungen und Ansätze

Für die Arbeit des FoLAP in den nächsten Jahren identifizieren wir vier räumliche Dualitäten mit besonderen
Herausforderungen und Schlüsselfragen bei welchen u.a. auch die gegenseitigen Beziehungen
zwischen Akteuren und deren Beeinflussung auf Region und Landschaft eine Rolle spielen.
Diese Dualitäten sind notgedrungen zugespitzt, vereinfacht und exemplarisch und bedürfen in der
weiteren Beschäftigung damit einer Vertiefung, Differenzierung aber auch Erweiterung. So bestehen
beispielsweise dieselben Dualitäten teilweise auf verschiedenen Massstabsebenen (das Städtische
in den Bergen, Bergkultur in der Stadt).
In diesem Sinne sollen die Beispiele vor allem dazu anhalten, die Dimension der räumlichen Beziehungen
in den verschiedensten Themenbereichen mitzudenken und zu analysieren, welchen Einfluss
diese Beziehungen auf das fokussierte Thema hat, bspw. auf die Landschafts- und Regionalentwicklung.

Ein Thema das vielfältiger nicht sein könnte, ist dasjenige der (räumlichen) Beziehungen zwischen der Schweiz und dem näheren und weiter entfernten Ausland. Dazu gehören v.a. wirtschaftliche Verflechtungen aller Art.

Eines dieser Themen mit sehr starken Raum- und Landschaftsbezug ist der Tourismus. Hier gilt die Landschaftsqualität als Standortqualität der Schweiz, welche nicht nur Binnentourismus, sondern insbesondere internationalen Tourismus auslöst, welcher sich wiederum von den Nachbarländern bis in entfernte Regionen erstreckt.

Welche Auswirkungen hat die internationale touristische Nachfrage auf die Angebotsgestaltung einschliesslich spezifischer Landschaftseingriffe (bspw. die Inszenierungsinstallationen im Hochgebirge)?
Welche Auswirkungen haben Angebotsveränderungen (bspw. ausgelöst durch den Gletscherrückgang) auf die touristische Nachfrage (und damit auf die regionalwirtschaftliche Entwicklung?

Eine eher indirekte räumliche Beziehung ist die des sogenannten Telecouplings: Konsum-Muster in der Schweiz erzeugen (teilweise ökologisch problematische) Landnutzungsveränderungen und auch grossräumige Landschaftsveränderungen in entfernten Regionen, welche die in der Schweiz nachgefragten Produkte produzieren (bspw. der Avocado-Hype in der Schweiz).

Welche Lebensstile und Konsummuster erzeugen die grössten Landschaftsveränderungen (sowie ökologischen und sozialen Probleme) in anderen Teilen der Erde?

Dieses Thema wurde in der Autorengruppe nur oberflächlich gestreift, könnte aber im Rahmen der im FoLAP vorhandenen Expertise weiter ausgearbeitet und mit dem starken Bezug zum Kernthema «Lebensstil» u.U. dort weiterbearbeitet werden.

Das hier existierende generelle Spannungsverhältnis hat sich in den letzten Jahren verstärkt, was sich vor allem in den Abstimmungen zum Jagdgesetz und der Zweitwohnungsinitiative gezeigt hat. Ein Fokus liegt dabei auf den Fragen bezüglich Gouvernanz.

Welche Ansprüche hat die Bergbevölkerung an die Regional- und Landschaftsentwicklung im Berggebiet, aber auch an diejenige im Unterland, insbesondere an diejenige der (peri-) urbanen Gebiete? Was braucht das Berggebiet, damit seine Interessen auf politischer Ebene auch im Unterland wahrgenommen werden?
Welche Ansprüche hat die Bevölkerung des Unterlands an die Regional- und Landschaftsentwicklung im Berggebiet, aber auch im Unterland selber, insbesondere an diejenige der (peri-) urbanen Gebiete? Wie muss vorgegangen werden, damit die Interessen des Unterlands auf politischer Ebene auch von den Menschen in den Bergregionen wahrgenommen werden?
Im Anschluss daran stellen sich Fragen nach dem Einfluss der Subventionspolitik wie auch nach dem Einfluss der zunehmenden Regionalisierung.

Einen weiteren Fokus legen wir auf die Binnenmigration. Dabei bildet die Identifikation ein zentrales Thema. Zweitwohnungsbesitzer mit Hauptwohnsitz im Tal und Ferien- und Wochenendaufenthalt in der Bergregion, sowie auch ursprünglich aus der Bergregion stammende Personen, welche sich als Wochenaufenthalter im Unterland eingelebt haben und auch die «New Highlanders», welche ihren Lebensmittelpunkt neu vom Unterland in die Berge verlegen – sie alle zählen zu den Binnenmigranten.

Dadurch ergeben sich Fragen nach der Identifikation mit der Region und der Landschaft am Ausgangs- und am Zielort der Migration sowie nach der Wahrnehmung und Beurteilung von Veränderungen an beiden Orten.

Hier spielt auch das Thema Digitalisierung eine wichtige Rolle:

Kann durch die Digitalisierung die Mobilität verringert werden? Gelingt es, durch die Digitalisierung neue Wohn- und Arbeitsmodelle in den Alpen zu etablieren (Arbeitsplatz mit Bergkulisse, statt Industriepark)?

Welche Auswirkungen haben Influencer, welche mit Bildern in den sozialen Medien einen Touristenansturm auslösen können?

Die wichtigsten Fragen sind hier:

Welchen Effekt hat das Instrument Pärke von nationaler Bedeutung?
Führt es zu einer höheren Landschaftsqualität (inkl. höherer Biodiversität)? Oder findet der Wandel vor allem in den Köpfen der Leute statt, indem durch einen Park die Wahrnehmung der Bevölkerung für die Landschaft geschärft wird?
Falls es gelingt, die Wertehaltung der Bevölkerung gegenüber der Landschaft durch das Instrument Pärke zu beeinflussen, und die Besuchenden wie auch die ansässige Bevölkerung im Park findet, was sie aufgrund ihrer Vorstellungen erwarten, wird dies längerfristig auch zu Veränderungen im Bereich Natur und Landschaft führen?

So betrachtet, sind Pärke nicht nur Modellregionen bezüglich nachhaltiger Entwicklung, sondern auch wichtige Player im Bereich Landschaftskompetenz.

Um diese Veränderungen der Bevölkerung bezüglich Landschaftswahrnehmung und daraus folgender Veränderungen im Bereich Natur und Landschaft zu untersuchen, braucht es Vergleichsregionen. Hier könnten Gebiete, in welchen ursprüngliche Ideen für einen Park schon zu einem frühen Zeitpunkt abgelehnt wurden, eine wichtige Rolle spielen. Eine erste Untersuchung in dieser Art erfolgte von Frick & Hunziker (2015). Dieser Ansatz könnte inhaltlich und räumlich ausgeweitet werden.

Wichtig zu beachten ist, dass die meisten Pärke sich jetzt im Übergang zur zweiten Betriebs- Phase befinden. Dies bedeutet, dass die Sensibilisierung in den Gemeinden wie auch bei der Bevölkerung bezüglich der Themen wie Landschaftswahrnehmung, Biodiversität und auch bezüglich der ökonomischen Bedeutung der Pärke jetzt stattfinden sollte Deshalb ist es zentral, dass hinsichtlich einer nächsten Evaluation in 10 Jahren, die Landschaftswahrnehmung bereits jetzt erhoben wird, um zu gewährleisten, dass ein Vergleichswert vorliegt.

Im Mittelland stellen wir einen neuen räumlichen Gegensatz fest: Naturraum – Siedlungsraum. Durch den stetigen Ausbau von Siedlungen wie auch anderen Eingriffen in Natur und Landschaft (Stichwort Meliorationen) wurde der Naturraum während langer Zeit verdrängt. Wir stellen aber gerade in den letzten 20 Jahren eine Zunahme von Renaturierungsmassnahmen fest, welche oft dazu führen, dass die Natur auch wieder dort mehr Raum erhält, wo die Leute wohnen (Stichwort Agglo-Wandern). Mit hinzu gehört auch der Aspekt Landschaft und Gesundheit: Mit dem Bevölkerungswachstum und einem höheren Gesundheitsbedürfnis steigt auch der Wert von Natur als Erholungslandschaft (Stichwort Corona). Damit steigen aber auch der Besucherdruck und die Erwartungen auf die Naturräume.

Welchen Einfluss hat der grössere Bevölkerungsdruck auf die Landschaftsqualität der Naturräume?
Welche Erwartungen haben die Besuchenden an die Landschaft und ihre Qualitäten?
Wie kann ihnen begegnet werden ohne die naturräumlichen Qualitäten und Ziele zu vernachlässigen?

Auf Anfrage schicken wir Ihnen das vollständige Kernthemenpapier inkl. Quellenangaben.
Schreiben Sie uns auf folap@scnat.ch