Landschaftskultur

Solares Direktgewinnhaus, Simmental
Image: N11 Architekten Gmbh

Warum gibt es kaum einen Diskurs darüber, dass Schützen, Nutzen und Gestalten von Landschaften eine gut entwickelte Kultur des gesellschaftlichen Umgangs mit Landschaft voraussetzt? Diese Kultur muss zwischen Expertinnen und Experten einerseits, der Politik und verschiedenen Öffentlichkeiten andererseits ausgehandelt werden. Landschaftskultur integriert demographische und soziokulturelle Entwicklungen ebenso wie Trends in der Ernährung und Landwirtschaft.

Stadt- und Landschaftsplanung berufen sich oft auf das kulturelle Erbe, dem es Sorge zu tragen gelte – nicht zuletzt, weil sich die Bevölkerung damit identifiziere. In Fachkreisen hat sich mittlerweile ein Landschaftsverständnis durchgesetzt, das davon Abstand nimmt, in erster Linie das Althergebrachte bewahren zu wollen und das auch für Veränderungen und Neuerungen offen ist.

Sowohl die Europäische Landschaftskonvention ELC als auch das vom Bundesrat aktualisierte Landschaftskonzept Schweiz LKS sind einem dynamischen Landschaftsbegriff verpflichtet, der von einem Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Gestaltung der Landschaft ausgeht. Die gleiche Stossrichtung verfolgt auch die Strategie Baukultur des Bundesamtes für Kultur.

Dieser Auffassung zufolge wird Landschaft nicht durch den Gegensatz von Natur und Kultur bestimmt; vielmehr ist sie eingebunden in ein räumliches, wirtschaftliches und soziales Beziehungsgeflecht. Dieses wirkt gleich mehrfach dynamisch auf die Landschaftsgestaltung und -entwicklung ein. Entsprechend gilt es, künftig sowohl in der Landschaftsforschung als auch in der landschaftsbezogenen Politik und deren Vollzug den Schutz, die Nutzung und die Gestaltung der Landschaft verstärkt kulturell einzuordnen.

Um den mannigfaltigen Wahrnehmungen der Landschaft und den an sie gerichteten unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden, will das FoLAP die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Landschaftskultur im Sinne von «Landschaft schaffen» («doing landscape») anstossen: Damit soll eine neue Brücke geschlagen werden zwischen Fachleuten der Landschaftsforschung, -planung und -entwicklung auf der einen und politischen Entscheidungstragenden und Behörden sowie der Öffentlichkeit auf der anderen Seite.

Ziel ist es, eine Landschaftspolitik zu entwickeln, welche die Vielfalt von Bedürfnissen und Kompetenzen der gesellschaftlichen Akteure unter einen Hut zu bringen vermag. Eine solche Landschaftspolitik, die möglichst viele Sichtweisen einschliesst, bietet die besten Voraussetzungen, damit sich die Menschen mit ihrer Alltagslandschaft identifizieren.

Die Auseinandersetzung mit Landschaftskultur wirft sowohl grundsätzliche Fragen auf als auch solche methodisch-instrumenteller Art. Letztere betreffen beispielsweise die Methoden, die im öffentlichen Umgang mit Landschaft erforderlich sind – insbesondere, wenn es darum geht, angesichts der Vielfalt von Positionen und Ansprüchen zu schlichten und damit die häufig als Nutzungskonflikte deklarierten Gegensätze zu entschärfen.

Auf der grundsätzlichen Ebene will das FoLAP unter anderem dazu anregen, landschaftsbezogene Ethiken zu entwickeln. Dabei gälte es beispielsweise auszuloten, wie Regionen, Städte oder die Gesellschaft allgemein ihre Vorstellungen schöner und wertvoller Landschaften verhandelt. Erhellend wäre es auch zu beleuchten, zu welchem Zeitpunkt welche Schwerpunkte die ethischen Landschaftsdebatten bezüglich Umwelt, Nachhaltigkeit, Ernährung oder Biodiversität setzen.

Schliesslich wäre es auch wichtig zu wissen, welche grundlegenden Kenntnisse über die historisch gewachsenen und auch durch die mannigfaltigen Lebensumstände entstandenen Unterschiede in der Wahrnehmung der Landschaft erforderlich sind, um den Umgang mit ihr in der Praxis zu verbessern.

Das im Jahr 2018 von der Schweiz ratifizierte Rahmenübereinkommen des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft»( Konvention von Faro) stellt zwar den Menschen und seine Werte in den Mittelpunkt, definiert indes «Kultur» sehr breit. So hält der Bundesrat mit Blick auf die umweltrelevanten Auswirkungen der Konvention fest, deren Zielsetzung decke sich mit jener der schweizerischen Landschaftspolitik, da beide auf integrierte Instrumente, koordinierte Verfahren und demokratische Teilhabe an Pflege und Gestaltung des Raums setzten.

Der dritte Schweizer Landschaftskongress vom 8.-9. September 2022 setzt die Landschaftskultur ins Zentrum und lädt Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis und Politik, Forschung und Lehre ein, über die Herausforderungen zu diskutieren, die es beim nachhaltigen «Landschaft Schaffen» zu bewältigen gilt.

Somit dürfte der geschärfte Fokus auf die Landschaftskultur auch dazu beitragen, im Rahmen von «Landschaft schaffen» die Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen und Beteiligten auf verschiedenen Ebenen zu verbessern.

Hinweis: Das FoLAP identifizierte in den fünf Kernthemen (Landschaft und Gesundheit, Landschaftskultur, Lebensstile und Landschaft, Klimaschutz und Landschaft, Räumliche Beziehungen) den grössten Handlungsbedarf hinsichtlich einer nachhaltigen Landschaftsentwicklung. Zur Förderung des politischen Diskurs und des gesellschaftlichen Transformationsprozesses braucht es dabei neben dem Zusammentragen des bestehenden Wissens grössere zusätzliche Forschungsanstrengungen und eine Intensivierung des Dialogs zwischen Forschung und Praxis. Das FoLAP versteht die Kernthemen als Auftrag an sich und seine Community: Sie stehen damit auf der Agenda des FoLAP und sind eine Einladung an Institutionen und Akteure, sich ebenfalls in diesen Themengebieten aktiv zu engagieren. Mehr erfahren

Politische Aktualität und Relevanz des Themas

Die gesellschaftliche – und damit auch politische und wirtschaftliche – Relevanz des Kernthemas «Landschaftskultur» ergibt sich aus dem Erklärungsansatz, den das Konzept bietet, und aus der Möglichkeit, Prozesse im Sinne der strategischen Ziele des Landschaftskonzepts Schweiz künftig besser zu gestalten, d.h. inklusiver und nachhaltiger. Doing landscape sensibilisiert nämlich für die kulturelle Situiertheit unterschiedlicher Vorstellungen und Praktiken und kann im Sinne einer Methode die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteurinnen und Akteuren – nicht zuletzt auf der Ebene der Gouvernance – verbessern. Dies gewinnt umso mehr an Bedeutung, als die wachsende Diversität durch demografischen Wandel und (Binnen-)Migration mit heterogenen, mitunter auch gleichzeitigen bzw. gegenläufigen Entwicklungen und Positionen in Bezug auf Landschaft einhergeht und Bindungen von Akteurinnen und Akteuren an gegeben Räume aufhebt. Zudem folgt das Kernthema auch dem breiten Verständnis der von der Schweiz 2018 ratifizierten Konvention von Faro[1], die unter Kulturerbe alle Dimensionen von Mensch-Umwelt-Beziehungen und deren Wechselwirkungen versteht und zu einem Grundrecht der Mitsprache in Prozessen der Definierung, Gestaltung und Inwertsetzung von Kulturerbe verpflichtet.

Ein unmittelbarer Impact könnte für die gerechtere Gestaltung politisch-administrativer Verfahren reklamiert werden. Die ökonomische Relevanz liegt vor allem in der Mobilisierung von Landschaft als einer sozialen Ressource mit zwar häufig nicht monetarisierbaren, aber nachhaltig inwertsetzbaren Effekten. Die Frage des konkreten gesellschaftlichen und ökonomischen Mehrwerts einer demokratisch offen ‘gestalteten’ Landschaft gegenüber einer bloss ‘verwalteten’ muss gestellt und nach Methoden seiner Messung und Vermittlung gesucht werden.

[1] https://www.coe.int/de/web/conventions/full-list/-/conventions/rms/0900001680083746

Relevante Schlüsselfragen

Die mit dem skizzierten Problem verbundenen Fragen betreffen sowohl das Grundlagenwissen als auch die Gestaltung der Instrumente für den öffentlichen Umgang mit Landschaft. Aufgrund der engen Verflechtung von kulturell situierten, multiplen und konkurrierenden Entwürfen von Landschaft bei unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren und den gegenwärtigen Herausforderungen von Politik und Planung sind insbesondere Fragen des Wissenstransfers und der Anwendungsorientierung zu thematisieren. Im Zentrum steht die Frage, wie Wissenschaft, Praxis und vor allem auch eine erweiterte Öffentlichkeit für Themen der Landschaftskultur sensibilisiert werden können. Es geht also nicht zuletzt darum, einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen, in dem die akademisch bereits weitgehend im NFP 48 gewonnenen Erkenntnisse und formulierten Ziele feldübergreifend zu einem geteilten Verständnis von Landschaftskultur weiterentwickelt und Handlungsmöglichkeiten identifiziert werden können.

Welches Grundlagenwissen brauchen wir über historisch gewordene und in der Differenz der Lebensumstände liegende Unterschiede in Bezug auf Wahrnehmung, Wertschätzung, Nutzung und Gestaltung von Landschaften? Wie lassen sich beispielsweise Unterschiede in regional und sektoriell dominanten Konzepten und wie Vielstimmigkeiten aufgrund wachsender sozialer Vielfalt verstehen und in eine verbesserte Praxis integrieren?

Wie verhandelt die Gesellschaft (ergänze: Regionen, Städte etc.) ihre Vorstellungen ‘schöner’ und wertvoller Landschaften, welche Konjunkturen zeigen ethische Debatten in Bezug auf Umwelt, Nachhaltigkeit, Ernährung oder Biodiversität? In welchen sozialen Räumen zirkulieren Landschaftsethiken (top down/bottom up?), in welches Verhältnis setzen sie Wissen und Gegenwissen, und mit welchen Ein- und Ausschlussmechanismen sind sie verbunden?

Wie lassen sich die häufig als Nutzungskonflikte deklarierten Gegensätze differenzierter verstehen und durch die Entwicklung von der Vielfalt der Positionen und Ansprüche zulassenden Instrumenten vermeiden? Wie lassen sich partizipative Prozesse so gestalten, dass eine zivilgesellschaftliche Aushandlung möglicher und offener Zukünfte der Landschaftsentwicklung demokratisch gewährleistetes Recht ohne strukturelle und kulturelle Benachteiligung wird?

Auf Anfrage schicken wir Ihnen das vollständige Kernthemenpapier.
Schreiben Sie uns auf folap@scnat.ch