Gesundheit und Landschaft

Erholsame Landschaften _WSL
Image: Nicole Bauer, WSL

Wie lassen sich Landschaften erhalten und gestalten, welche die körperliche und mentale Gesundheit fördern ohne die Landschaftsqualität zu beeinträchtigen? Angesprochen sind damit nicht nur demographische Entwicklungen wie z.B. die Überalterung, sondern auch die Ansprüche einer multikulturellen Bevölkerung an die Landschaft.


Um uns wohl zu fühlen und gesund zu bleiben, brauchen wir attraktive Orte, wo wir anderen Menschen begegnen können; allerdings sollten wir uns auch an einen ruhigen Platz zurückziehen können, wo wir uns – geschützt vor Lärm, störenden Gerüchen und Dauerbeleuchtung – erholen können. Erforderlich sind ausserdem naturnahe oder städtisch geprägte Areale, die zu Bewegung und Sport einladen.
Eine abwechslungsreiche Landschaft, die es uns ermöglicht, unsere Bedürfnisse nach sozialem Austausch, Ruhe und körperlicher Aktivität zu befriedigen, leistet somit einen bedeutenden Beitrag zu Gesundheitsversorgung und ebenso zu Chancengleichheit in der Bevölkerung. Somit ist es wichtig, dass es hierzulande architektonisch gut gestaltete urbane Quartiere und – ausserhalb der Städte – naturnahe Grünräume gibt, die vielfältige Naturerlebnisse ermöglichen.


Ansprüche an die Landschaft und ihre Nutzung verändert sich; während der Pandemie hat sich der Wandel gar noch verstärkt. Wie beispielsweise Waldpartys oder der Trend zu vermehrten Outdoor-Aktivitäten längerfristig auf Gesundheit und Landschaft zurückwirken werden, ist schwer abzuschätzen. Es wird entscheidend sein, geeignete Landschaftsräume zu schaffen und zu erhalten. Dabei wird es nicht nur darum gehen, die dazu erforderlichen raum- und landschaftsplanerischen Instrumente zu entwickeln, sondern es werden zugleich Regeln definiert werden müssen, die verhindern, dass die Nutzung die Landschaft zu stark unter Druck setzt und damit schädigt.

Zahlreiche Elemente der Landschaft stärken unsere Gesundheit auch insofern, als sie schädliche Einwirkungen eliminieren: Bäume und Böden filtern Schadstoffe aus, die dadurch nicht in die Luft oder ins Wasser eindringen. Eine reiche Biodiversität kann der Gesundheit ebenfalls nützen. Etwa, indem sie Rohstoffe für Heilmittel zur Verfügung stellt oder verhindert, dass sich Organismen, die Krankheiten übertragen können, allzu ungehindert ausbreiten.
Auch angesichts der Klimaerwärmung kommt den landschaftlichen Qualitäten eine Schlüsselrolle zu: So können beispielsweise Schatten spendende Bäume und Parks entscheidend dazu beitragen, städtische Hitzeinseln abzukühlen.

Wenn es darum geht, die Wirkung der Landschaft auf die Gesundheit zu berücksichtigen, ist die behördenübergreifende Zusammenarbeit unabdingbar. Denn gefordert sind Stadt- wie auch Raum- und Verkehrsplanung, ausserdem Energiewirtschaft, Lebensmittelproduktion, Umweltschutz, Gesundheitswesen und viele weitere. Illustrieren lässt sich die enge Verflechtung verschiedener Politikbereiche am Beispiel der Mobilität: Auf der einen Seite stösst der private Autoverkehr Abgase und Feinstaub aus, verursacht Lärm, belastet durch den Pneuabrieb Böden wie auch Gewässer und bedroht damit letztlich auch die Gesundheit der Menschen. Auf der anderen Seite nutzen aber viele in ihrer Freizeit das Auto, um aufs Land zu fahren und im Grünen zu wandern oder einer anderen erholsamen Aktivität nachzugehen. Der Widerspruch, der zwischen dem Streben nach gesundheitsfördernder Entspannung und gesundheitsschädigender Mobilität klafft, lässt sich dank den Mitteln des Langsamverkehrs aufheben: Wer das Fahrrad nutzt, verbindet Beweglichkeit und körperliche Fitness.

Bei gewissen Umwelteinflüssen wie etwa Luftschadstoffen ist der krankmachende Effekt medizinisch nachgewiesen. Die Wirkung landschaftlicher Qualitäten auf unsere Gesundheit ist dagegen viel weniger gut untersucht; entsprechend erkennt das FoLAP hier grossen Forschungsbedarf. So weiss man nicht, welche sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften der Landschaft in welchem Masse die Gesundheitsvorsorge verbessern können. Auch ist unklar, ob bestimmte landschaftliche Merkmale unterschiedlich auf die Gesundheit verschiedener Bevölkerungsgruppen – etwa jener von Kindern, älteren Menschen oder Personen mit Migrationshintergrund – einwirken können. Die Bedeutung von Landschaftsveränderungen auf die Gesundheit gälte es ebenfalls auszuleuchten, sowie die Auswirkungen, welche die Naturentfremdung gewisser Bevölkerungsgruppen auf deren Gesundheit hat.
Die Folgen neuerer Gesundheitstrends auf die Landschaft will das FoLAP ebenfalls ins Augenmerk rücken. Wie könnten sich beispielsweise veränderte Ernährungsgewohnheiten in der Landschaft widerspiegeln? Des Weiteren ist unklar, welche Landschaftsleistungen vermehrt nachgefragt werden, wenn mehr Menschen in ihrem Alltag den gesundheitlichen Aspekten grössere Bedeutung als bisher zuweisen.

Die Erkenntnis, dass der Landschaft erhebliche Bedeutung für die Gesundheit der Menschen zukommt, ist in verschiedene politische Strategien eingeflossen. So bezeichnet die Europäische Landschaftskonvention die Landschaft als Schlüsselelement für das Wohl von Individuen und der Gesellschaft.

Das Landschaftskonzept Schweiz LKS wiederum hält fest, dass die landschaftliche Attraktivität und das Naturerlebnis viele Menschen zu Sport und Bewegung motivieren. Auch die gesundheitspolitische Strategie des Bundesrates fordert, Natur- und Landschaftsqualitäten seien zu erhalten, weil sie zur strukturellen Gesundheitsförderung beitragen.

Anmerkungen: Das FoLAP identifizierte in den fünf Kernthemen (Landschaft und Gesundheit, Landschaftskultur, Lebensstile und Landschaft, Klimaschutz und Landschaft, Räumliche Beziehungen) den grössten Handlungsbedarf hinsichtlich einer nachhaltigen Landschaftsentwicklung. Zur Förderung des politischen Diskurs und des gesellschaftlichen Transformationsprozesses braucht es dabei neben dem Zusammentragen des bestehenden Wissens grössere zusätzliche Forschungsanstrengungen und eine Intensivierung des Dialogs zwischen Forschung und Praxis. Das FoLAP versteht die Kernthemen als Auftrag an sich und seine Community: Sie stehen damit auf der Agenda des FoLAP und sind eine Einladung an Institutionen und Akteure, sich ebenfalls in diesen Themengebieten aktiv zu engagieren. Mehr erfahren

Politische und wirtschaftliche Relevanz & Aktualität des Themas

Europäische Landschaftskonvention ELK: Landschaft stellt für das Wohl von Individuen und der Gesellschaft ein Schlüsselelement dar

Landschaftskonzept Schweiz LKS: Gesundheit, Bewegung und Sport: Die landschaftliche Attraktivität und das Erleben der Natur sind für einen Grossteil der Bevölkerung eine sehr wichtige Motivation für Sport und Bewegung.

  • Stärkung der Koordination und Kooperation zwischen Bewegungs- und Sportförderung sowie der Land­schaftspolitik (Ziel 3.A)
  • Gesundheitsförderung im Siedlungs- und Naherholungsraum (Ziel 3.B)
  • Anregung zu schonendem Verhalten (Ziel 3.C)

Aktionsplan Strategie Biodiversität Schweiz


Gesundheitspolitische Strategie des Bundesrates

  • Hohe Natur- und Landschaftsqualitäten als Beitrag zur strukturellen Gesundheitsförderung
  • Reduktion umweltbedingter Gesundheitsrisiken (SR 7.1)
  • Erhalt und Förderung von Natur- und Landschaftsqualitäten (SR 7.2)

Agrarpolitik des Bundes

ValPar.CH – Werte der Ökologischen Infrastruktur in Schweizer Pärken (www.valpar.ch)


Waldmonitoring soziokulturell Schweiz WaMos 3 (https://www.wsl.ch/de/projekte/wamos3.html)


Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IBPES)


Relevante Schlüsselfragen

  • Welche physischen Merkmale von Landschaft können in welchem Mass zur Gesundheitsvorsorge /-förderung und -verbesserung (therapeutisch) beitragen? Wirken gewisse Landschaftsmerkmale unterschiedlich auf die Gesundheit verschiedener Gesellschaftsgruppen (jüngere, ältere Menschen, Menschen mit Erkrankungen, Familien mit Kindern, Personen mit Migrationshintergrund oder von Armut Betroffene usw.)?
  • Welche Auswirkungen haben Landschaftsveränderungen auf die Gesundheit? Welchen Beitrag leistet hierbei die Biodiversitätsförderung bzw. Förderung von Landschaftsvielfalt resp. eine nachhaltige Landschaftsgestaltung?
  • Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Landschaft und Biodiversität, und welchen Einfluss können diese auf die psychische, physische und soziale Gesundheit haben (Stichworte: «Co-benefits», Verdünnungseffekt, Amplifikationseffekt, durch Tiere übertragene Infektionskrankheiten (Zoonosen), nichtübertragbare Krankheiten, One Health-Ansatz).
  • Welche Politiken und Gouvernanz-Ansätze berücksichtigen die Landschaft und deren Beitrag an die Reduktion umweltbedingter Gesundheitsrisiken? Welche sind problematisch? Welche Modelle bzw. Strategien der Raum- und Regionalentwicklung tragen dazu bei, die Gesundheitswirkungen von Landschaften zu optimieren? (Stichwort Zugang zu Landschaften mit Distanz von Wohn-/Arbeitsräumen zu intakten Landschaften, Mobilitätsverhalten, Langsamverkehrsnetz, Gesundheitsdienstleistungsangebot)
  • Bestehen sozio-kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung und Nutzung von Landschaft, und wenn ja, ergeben sich unterschiedliche Gesundheitswirkungen von Landschaft? Zum Beispiel: Welche Auswirkungen hat die Naturentfremdung gewisser Teile der Gesellschaft auf deren Gesundheit?
  • Welche Landschaftstypen erhalten in Zeiten gesellschaftlicher Krisen besondere Bedeutung, auch vor dem Hintergrund sich verändernder Lebensstile? Wie verändert sich die Nutzung der unterschiedlichen Landschaftstypen in Krisenzeiten (z.B. reduzierte Mobilität aufgrund von Ausgangsbeschränkungen)?
  • Wie entwickelt sich das Verhalten und die Wahrnehmung der Bevölkerung in Bezug auf Landschaften während und nach der Coronakrise (z.B. Wahrnehmung der Alltagsräume)? Sind anhaltende Effekte feststellbar (in Bezug auf Häufigkeit/Dauer, aber auch auf Art, z.B. Zunahme der Individualerholung in der Landschaft als Folge von Abstandsregeln)? Welche Lehren sind daraus zu ziehen?
  • Welche Auswirkungen auf Landschaft und Landschaftsqualität hat der erhöhte Nutzungsdruck in Krisenzeiten? Welche Auswirkungen ergeben sich auf die Lebensräume von Pflanzen und Tieren und damit auf die Gesundheitswirkung dieser Landschaften (z.B. Paradox: Übernutzung beeinträchtigt genau diejenigen Landschaftsräume, welche für Erholung/Gesundheit relevant sind)?
  • Welche Konzepte braucht es, um diese Effekte zu minimieren (Stichworte Raumplanung, Besucherlenkung)?.
  • Welchen (monetären) Beitrag leistet die Förderung von Biodiversität und Landschaftsvielfalt und -qualität an die Senkung der Gesundheitskosten?
  • Welchen Beitrag können Landschaften für die Gesundheit leisten? Wie verändert sich die Nachfrage nach Landschaftsleistungen durch einen verstärkten Fokus auf Gesundheitsaspekte?
  • Welches Potential hat die Inwertsetzung von Gesundheitsleistungen von Landschaft (z.B. in Pärken)?
  • Gesundheitstrends und Auswirkungen auf die Landschaft
  • Wie wirken sich Ernährungs- und Gesundheitstrends auf die Landschaftsvielfalt und -qualität aus?

Wie wirken sich Ernährungs- und Gesundheitstrends auf die Landschaftsvielfalt und -qualität aus?

Auf Anfrage schicken wir Ihnen das vollständige Kernthemenpapier inkl. Quellenangaben.
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