Freie Sicht aufs Mittelmeer? Schweizer Städte im Klimawandel

ProClim Flash 73

Dr. Maarit Ströbele, Raumplanerin und Politologin, Projektleiterin Landschaft beim Forum Landschaft, Alpen, Pärke (FoLAP) der SCNAT

Porträt Maarit Ströbele
Bild: ProClim

In lauen Sommernächten auf dem Balkon ein spätes Abendessen geniessen ist schön. Weniger schön ist, wenn wegen des heisseren Klimas im Sommer über Mittag die Sonne brennt und kaum ein Baum Schatten spendet. Die Hitze, die im Sommer stören kann, sehnen wir uns wiederum im Winter herbei: Dafür verbrennen wir heute hauptsächlich Öl. Wie werden wir in Zukunft für warme Wohnräume sorgen, ohne dass dabei ungewollte Treibhausgasemissionen entstehen?

Sowohl in der kalten wie auch in der warmen Jahreszeit zeigt sich: Der Klimawandel verändert das Leben in der Stadt auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Der Klimawandel betrifft Räume in Gebäuden ebenso wie Räume ausserhalb wie Gärten, Strassen und Plätze.

Aus raumplanerischer Sicht stellen sich viele Fragen im Zusammenhang mit Klimawandel und Stadtentwicklung, denn das aktuelle Planungsparadigma der Verdichtung nach innen kann in Konflikt mit dem klimaangepassten Bauen kommen. So führt beispielsweise dichte Bebauung in Städten zumeist zu mehr Hitze. Auch die Gestaltung von öffentlichen Räumen wie Strassen und Grünanlagen stellt eine Herausforderung dar. Kluge, praktische planerische Lösungen sind gefragt. Dazu braucht es eine disziplinenübergreifende wissenschaftliche Sicht auf aktuelle Herausforderungen in der Stadtentwicklung, die gesellschaftliche, technische und naturwissenschaftliche Aspekte zu vereinbaren sucht. Nur so werden unsere Städte klimaverträglich, bleiben aber auch beliebte und angenehme Wohnorte.

Die Schweiz hat, wie alle Weltgegenden, eine lange Tradition des klimaangepassten Bauens. Traditionelle Häuser konnten in der kalten Jahreszeit relativ energieeffizient beheizt werden. Und wenn es im Sommer heiss wurde, liess man die Fensterläden zu und überstehende Dächer spendeten Schatten. Anders sieht es für viele Bauten aus dem 20. Jahrhundert aus, die einen grossen Teil des heutigen Baubestands ausmachen: Heizen verbraucht viel Energie. Es ist überdies schwierig, solche Gebäude mit passiven Mitteln wie Verschattung und Luftzug kühl zu halten. Stattdessen werden häufig Klimaanlagen verwendet, die den Raum ausserhalb der Gebäude zusätzlich aufheizen. Hier geht es nicht nur um Gebäudetechnik, sondern auch um Baukultur, Pflanzen und einen besseren Umgang mit der (Stadt-)Landschaft.

Die vergangenen Jahre waren geprägt von wiedererstarkenden Kernstädten und grösserer städtebaulicher Verdichtung. Städtische Gebiete bestehen aber nicht nur aus dicht bebauten Stadtkernen. Könnte es sein, dass im Zuge des Klimawandels kühle grüne Gärten ums kleine Haus in weniger dichten Gebieten wieder beliebter werden? Das könnte zu einer neuen Suburbanisierungswelle führen, was aber den Planungszielen des Raumplanungsgesetzes widerspricht. Ausserdem würde eine solche Zersiedelung auch zu einer erhöhten Mobilität und damit mehr Energieverbrauch bei Verkehr und Erschliessung führen. Welche Strategien könnten hier Abhilfe verschaffen?

Wichtig ist, dass auch in Zeiten des Klimawandels Städte für die Menschen gebaut werden und man sich durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur zu hochtechnisierten Ingenieurlösungen verleiten lässt. Eine Möglichkeit ist, sich vom Mittelmeerraum inspirieren zu lassen. Dort spenden vielerorts grosse Bäume Schatten und sorgen so für angenehme öffentliche Räume, Wohn- und Arbeitsorte. Erste Städte und Regionen haben bereits Instrumente erarbeitet, so etwa Zürich mit der Fachplanung Hitzeminderung.

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